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Keynotes

der 29. DeGEval-Jahrestagung vom 23.-25.09.2026 an der Frankfurt University of Applied Sciences

Zeit als Ordnungsparameter: Philosophische Perspektiven auf Wiederholung, Ermüdung und die Polyrhythmik des Alltags

Prof. Dr. Dr. Norman Sieroka

Zeit gehört zu den ältesten Themen der abendländischen Philosophie – schon das älteste überlieferte Fragment beschreibt das Entstehen und Vergehen der Dinge als eine Ordnung der Zeit. Im Zuge disziplinärer Spezialisierungen hat sich das Feld seither ausdifferenziert: Physik, Psychologie, Rechtswissenschaft, Politiktheorie und viele andere Disziplinen stellen ihre jeweils eigenen Zeitfragen, und auch innerhalb der Philosophie haben sich zahlreiche Subdisziplinen mit eigenen Fragestellungen herausgebildet.

Der Vortrag führt kurz in diese Diversität ein, um dann begriffliche Sortierarbeit zu leisten. Insbesondere lassen sich zwei Arten unterscheiden, wie man zeitliche Ereignisse ordnen kann – eine Unterscheidung, die in Teilen mit derjenigen zwischen erlebter und gemessener Zeit einhergeht. Von dort führt der Vortrag zu den Begriffen Taktung und Rhythmus. Denn Wiederholungen ähnlicher Ereignisse sind die elementarste Form, um zeitliche Muster und damit Orientierung entstehen zu lassen – ob durch Fahrpläne, Wahlperioden oder Evaluationszyklen. Doch zu strikte oder zu häufige Wiederholung erzeugt Ermüdung: Resonanzkatastrophen im physikalischen Sinne, Evaluationsfatigue im institutionellen. Es bedarf stets eines Zusammenspiels aus Wiederholung und Neuerung – Orientierung ja, aber ohne Ermüdung.

Der Vortrag schließt mit einem grundsätzlicheren Gedanken: Zeit ist keine Substanz und kein Container, sondern ein Ordnungsparameter von Ereignissen. Die entscheidende philosophische Frage ist daher nie die nach «der» fundamentalen Zeitordnung, sondern die nach einer Polyrhythmik – dem taktvollen Zusammenspiel verschiedener zeitlicher Ordnungen und Skalen. Ob in Wissenschaft, Evaluation oder Alltag: Ausschlaggebend ist nicht die Reduktion auf eine einheitliche Taktung, sondern die Sensibilität für die Vielschichtigkeit zeitlicher Erfahrungen.

Prof. Dr. Dr. Norman Sieroka ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Bremen und Privatdozent für Philosophie an der ETH Zürich. Er studierte Philosophie, Physik und Mathematik in Heidelberg und Cambridge. Er wurde in Physik und in Philosophie promoviert und habilitierte sich an der ETH Zürich in Philosophie. Gastprofessuren und Fellowships führten ihn an die University of Notre Dame (USA), das Einstein Center Chronoi in Berlin, das Singapore-ETH Centre und an Bord des Forschungseisbrechers «Polarstern».

Seine Forschung verbindet Philosophie der Zeit, Naturphilosophie, Philosophie des Geistes und erkenntnistheoretische Fragen der exakten Wissenschaften miteinander – stets aus einer dezidiert interdisziplinären Perspektive. So war er Managing Director des Turing Centre Zürich und im Kernteam der Critical Thinking Initiative der ETH tätig, hat fächerübergreifend Lehrformate entwickelt und auch publiziert gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen u.a. aus der Physik, Chemie, Pharmazie, Geschichte und Architektur. 

Neben zahlreichen Fachaufsätzen hat er mehrere Monographien veröffentlicht, darunter auch Einführungswerke zur «Philosophie der Zeit» und «Philosophie der Physik», die in der Reihe «C.H.Beck Wissen» erschienen sind und sich an ein weiteres Publikum wenden. Weiterhin ist er öffentlich bekannt durch Auftritte in Podcast-Serien, Rundfunk und Fernsehen.

Photo Credit: © Matej Meza, Universität Bremen

Die Zeit der Evaluation – oder: Evaluation statt Evolution?

Prof. Dr. Paul Reinbacher

Unsere Überlegungen nähern sich dem Tagungsthema aus sozialwissenschaftlicher Sicht sowie ganz grundsätzlich aus system- und handlungstheoretischer Perspektive an. Sie beginnen dabei mit der Beobachtung, dass die beiden zentralen Konzepte – Zeit und
Evaluation – auf den ersten Blick eng zusammenhängen, deren Verhältnis allerdings bereits auf den zweiten Blick (für den die Soziologie laut Niklas Luhmann ja bekannt ist) zahlreiche Fragen aufwirft. So ist Evaluation in (post-)modernen Gesellschaften nachhaltig, wenn nicht sogar inflationär institutionalisiert, weshalb deren Temporalstrukturen sowohl »innen«, also innerhalb von Evaluation als System wirksam, als auch eng mit den gesellschaftlichen Entwicklungen »außen«, also mit der Umwelt von Evaluation als System verflochten sind. Vor diesem Hintergrund interpretieren wir Evaluation als zeitlich strukturierte Praxis, die zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie darüber hinaus »zwischen« den Eigenzeiten sozialer Prozesse einerseits und den oftmals davon abweichenden Zeitregimen der Evaluation vermittelt. Außerdem kommt Evaluation damit als ein Ausdruck jener gesellschaftlichen Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesse in den Blick, die zwar Effizienz- und Effektivitätssteigerungen
versprechen, zugleich aber Spannungen hervorbringen. Wir schließen mit der Frage, ob Evaluation heute (und morgen) als Ersatz für Evolution dienen kann oder als Relikt moderner Steuerungsideen den Herausforderungen zeitgemäßer Zukunftsbearbeitung doch nicht mehr so ganz gewachsen ist.

Paul Reinbacher arbeitet nach Studien der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie nach diversen beruflichen Positionen in der Privatwirtschaft und im Hochschulsektor auf einer Professur für Bildungs- und Qualitätsmanagement an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz zu Fragen der heterodoxen Managementsoziologie sowie aktuell außerdem als Vizerektor für Forschung und Entwicklung im Bereich der Hochschuladministration. Mehr auf www.paulreinbacher.at.